Wahnsinns Marathon in Transsilvanien
Wahnsinns-Marathon in Transsilvanien - Fotograf Anton Marius, Braşov Marathon 2021 www.fisheye.ro
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  • Beitrag zuletzt geändert am:6. November 2021

Ein Wahnsinns Marathon in Transsilvanien – diese Story wird dich packen. Es ist eine unglaubliche Geschichte über einer Reise zu sich selbst. Und gleichzeitig eine Liebeserklärung an das Laufen in seiner schönsten Form – dem Trailrunning. Birgit Haller erlebte auf ihrer Reise durch Rumänien ein Abenteuer der Extra-Klasse.

Doch sei gewarnt: Diese Story macht etwas mit dir – da willst du sofort auch nach Rumänien. Und Laufen an einem Ort, der bisher gar nicht auf deiner Laufkarte erschien.

Mission impossible – Zwei Wochen Rumänien, allein und als Frau

Zwei Wochen Rumänien. Mit Rucksack, im Bus und per Anhalter, dabei möglichst viel wandern. Und das als Frau. Alleine. Mission impoosible, wenn man die meisten Menschen, die ich unterwegs getroffen habe, so fragt. 

Und es wurde auch ein ziemliches Abenteuer, ein wunderschöner und wilder Ritt durch die Karpaten – aber alles andere als impossible. Ich bin fast jeden Tag gewandert, durch sattgrüne Wälder, über sanfte Hügel und wilde Grate, immer mal wieder auch richtig lange Touren mit über 2000 Höhenmeter und über 20 km am Tag. Meistens ziemlich einsam, immer meinem Bauchgefühl folgend, das mir die ganze Reise über ein sehr guter Ratgeber gewesen war.

Dann kam ich am vorletzten Tag meiner Reise nach Braşov.Ich war schon ein wenig müde von der Wanderei. An dem Tag war ich 1.300 Höhenmeter gewandert, es war brütend heiß. Für den letzten Tag hätte ich nochmal eine längere Tour geplant gehabt – als Abschluss sozusagen.

Die Motivation für einen weiteren einsamen Tag im Wald, der mit viel Aufwand für die Anfahrt verbunden gewesen wäre, war aber nicht besonders hoch, dafür die Beine umso schwerer. Irgendwie hatte ich mir den Abschluss schöner vorgestellt. Abenteuerlicher.

Die Läuferin in mir schrie: ja, ich will

Nun, wie es der Teufel will, fand in Braşov just an diesem Wochenende ein großes Trailrunning-Event statt, von dem ich aber vorher nichts gewusst hatte. Ich bin mehr oder weniger zufällig in den Eventbereich gestolpert und war sofort voll begeistert und von der Atmosphäre, die Laufveranstaltungen mit sich bringen, elektrisiert. Läuferin halt.

Und da war es wieder, das Bauchgefühl, diese laute Stimme in mir, die förmlich schrie: Frag mal nach, was da morgen ist und ob’s noch Startplätze gibt!

Die Vernunft hätte ich ohnehin nicht bemühen brauchen: In den letzten Monaten bin ich sehr wenig gelaufen, eigentlich nur schnell gewandert. Ich war sehr müde von der Reise und den Touren. Laufschuhe hatte ich gar nicht im Gepäck, geschweige denn eine Laufweste.

Meine Stöcke hatte ich schon mit Gaffa-Tape geklebt, da ein Drehverschluss kaputtgegangen ist. Ich hatte keine wirklichen Lauf-, sondern nur Wanderklamotten im Rucksack.

Kopf aus Herz an – Total verrückt

Und trotzdem spürte ich, dass ich das machen muss. Dass das vielleicht der krönende Abschluss meiner absolut verrückten Reise sein würde. Dass ich mir jetzt hier spontan den tiefen Wunsch erfüllen könnte, endlich mal wieder an einem Lauf teilzunehmen.

Denn ich muss dazu sagen, dass meine letzten Laufjahre nicht besonders rosig waren – gepflastert mit Verletzungen und Rückschlägen, die mich meist kurz vor Wettkämpfen eliminierten. Noch dazu bin ich Anfang des Jahres privat durch eine wirklich schwere Zeit gegangen.

Ich weiß, dass das komisch klingt, aber ich fühlte mich wie ferngesteuert, musste einfach nachfragen. Nun ja. Am kommenden Tag sollten ein Halbmarathon (22km mit gut 1000hm) und ein Marathon (naja, 38km, 2100hm) stattfinden.

Startplätze vorhanden für läppische 40 Euro (inkl. einem tollen Starterpaket – sogar Socken waren drin, die ich ohnehin benötigte!). Da ich keine halben Sachen mache, ging ich all in. Total verrückt. Herzklopfen.

Es war 7 Uhr abends, 13 Stunden vor dem Start…

Ohne Laufschuhe und Laufklamotten – Menschen von Braşov mit riesigem Herz

Wahnsinns Marathon in Transsilvanien - Fotografin Ana Georgescu - www.anageorgescu.ro
Wahnsinns Marathon in Transsilvanien – Fotografin Ana Georgescu – www.anageorgescu.ro

Auf dem Eventgelände gab es natürlich auch ein paar Schuhhersteller und ich erkundigte mich nach ein paar Schuhen, die ich noch schnell kaufen könnte. Irgendwie fanden alle meine Geschichte und die verrückte Idee lustig und ich hatte gleich einige sehr hilfsbereite Läufer von den diversen Ständen um mich geschart.

Innerhalb einer halben Stunde habe ich den neuen HokaZinal kostenlos als Testschuh für den Renntag zur Verfügung gestellt bekommen. Ausprobieren würde ich ihn natürlich nicht können, aber ich laufe auch sonst oft in Hokas – was kann da schon schiefgehen?

Als nächstes brauchte ich eine Laufweste und natürlich lieh mir einer der Jungs seine. 

Ein paar Tipps gab’s oben drauf (hauptsächlich: Starte langsam, trinke viel!) – man schien sich ein bisschen Sorgen um das Mädel zu machen, das da so allein und mehr oder weniger zufällig daher stolperte. Aber ich war nun ausgestattet.

Auf ein schnelles und kalorienhaltiges Abendessen folgte eine etwas unruhige Nacht im 4er-Zimmer im Hostel. Der Wecker war auf 6:00 gestellt, aber ich war lange vorher wach.

Viel zu früh war ich am Samstag am Gelände, saugte diese ganz eigene Prä-Wettkampf-Stimmung auf und tauschte mich noch kurz mit den Jungs aus, die mir Schuhe und Weste besorgt hatten. Eine Softflask kaufte ich mir noch – die letzte, die es auf dem ganzen Gelände gab.

Kopfüber ins Abenteuer – mit Metal-Musik, geklebten Stöcken und einer viel zu großen Weste

Ein Wahnsinns Marathon in Transsilvanien – Fotografin Alina Selina, Marathon in Braşov

Und dann machte ich mich total nervös und begleitet von lauter Metal-Musik auf zum Start.

Ich kannte keinen Menschen dort und stellte mich mit meinen Wanderklamotten, einer viel zu großen Weste, einer Softflask, die nicht in die Weste passte, geklebten Stöcken und in Schuhen, in denen ich noch keinen km gelaufen war, an die Startlinie.

Jemand stopfte mir noch eine Regenjacke in die Weste, weil das vom Veranstalter vorgeschrieben war. Um mich herum lauter extrem fitte LäuferInnen mit Ultra-Finisher-Shirts und durchtrainierten Körpern. Frauen, die mir Angst machten, so stark sahen die aus.

Was mach ich hier bloß? Ich schickte ein Selfie an den Familiy-Chat.Im Wissen, dass meine Mama wohl nun endgültig dachte, dass ich den Verstand verloren habe.

Gleichzeitig war ich brutal gepusht von der Stimmung und der Musik. Mein Ziel war es einfach nur gesund (ohne Schmerzen und Hitzekollaps – es hatte weit über 30 Grad) ins Ziel zu kommen, idealerweise natürlich im Zeitlimit von 8 Stunden.

Startschuss – it’s just another hike

„Langsam starten“, haben sie gesagt. Und ich bin dann auch relativ langsam losgejoggt. Mein Kopf war ja ohnehin auf Wandern programmiert. Und das sollte genau der richtige Weg sein: 

Direkt beim ersten Anstieg habe ich gemerkt, dass ich im Wandermodus sehr, sehr gut zurechtkomme. Mein Atem war ruhig, mein Mantra „it’s just another hike“ nahm mir gleichzeitig die Aufregung und trieb mich vorwärts.

Bergauf überholte ich LäuferIn um LäuferIn, es lief wie von alleine. Da ich vorab natürlich wenig Zeit gehabt hatte, Strecke und Höhenprofil zu studieren, ließ ich mich überraschen.

Schaute nicht auf die Uhr und schon gar nicht nach oben. Ich wanderte einfach möglichst gleichmäßig bergauf und lief die Downhills so schnell wie möglich, weil es einfach wie ein riesiger Spielplatz war.

Auf flachen Passagen hatte ich mangels Training natürlich Schwierigkeiten, der Rest lief super.

Die Traumstrecke für Trailrunner – Rezept für Euphorie

Die Strecke war der Wahnsinn: Sie verlief fast ausschließlich im Wald (endlich war ich mal froh um den ganzen schattenspendenden Wald).

Geschätzt 90% verlief auf flowigen Singletrails, mal etwas wurzliger, mal etwas steiniger. Mit Ausnahme einer steilen Skipiste, die es hoch und runter ging, war die Strecke meist schön waldig und perfekt laufbar.

Das Rezept für Euphorie von Anfang bis Ende! Die Verpflegungsstationen waren der Hammer (Süßes wie Salziges, viele vegane Optionen), die Markierungen ein Traum. Ich war wirklich beeindruckt davon, wie perfekt organisiert die Veranstaltung war!

Irgendwann sagte mir jemand vom Streckenrand, ich sei 4. Frau. Da mein Rumänisch nicht gerade berauschend ist, hab ich’s nicht geglaubt und dachte, ich hätte mich verhört…

Da waren so viele starke Frauen, das konnte nicht stimmen. Aber ich wurde daraufhin etwas ehrgeiziger – man weiß ja nie – und legte ein bisschen zu. Die 4. Frau – Oh mein Gott! 

Ich schaffe es – das schönste Gefühl bei langen Wettkämpfen

Bei km 32 dann ein kurzer Schreckmoment. Ich bin leider mal wieder mit meinem ohnehin schon lädierten rechten Sprunggelenk umgeknickt und dachte schon, das war’s.

Kurze Pause. Kühlen. Ein bisschen fluchen. Aber 6 km vor dem Ziel konnte ich nicht aufhören.

Ich habe mich weiter durchgebissen, dann natürlich etwas langsamer und unsicherer auf den Downhills. Langsam wurde es auch echt anstrengend. 

Ich wurde dann bei der letzten Verpflegungsstation doch noch von einer Frau überholt, was mir aber ehrlich gesagt komplett egal war.

Ich konnte ohnehin kaum glauben, dass ich nun in Richtung Ziel lief – und zwar auf Kurs deutlich unter 5:30! Ich wusste nun, dass ich es schaffen würde und das ist das vielleicht schönste Gefühl bei so langen Wettkämpfen.

mulţumesc, mulţumesc – Von Dankbarkeit und Wolkenschweben

Ich erhielt von allen Seiten Zuspruch, motivierende Zurufe auf Rumänisch und bedankte mich bei allen – mulţumesc, mulţumesc – schwebte auf einer Wolke…

…und lief mit Tränen in den Augen nach 5:21:44 durchs Ziel im Stadtzentrum. Ich hatte mir einen Traum erfüllt. Und zwar auf die verrückteste und spontanste Art und Weise, die man sich vorstellen kann. 

Und dann erfuhr ich, dass ich tatsächlich 5. Frau war (von 82, nur zwei Minuten hinter Platz 3), 2. in meiner Altersklasse (von 35) und 73. insgesamt (von 493 StarterInnen).

Wie ein Zombie bin ich über das Gelände getaumelt, müde, glücklich, verwirrt – unfähig zu verarbeiten, was da passiert ist. Ich kannte ja niemanden, außer meine inzwischen lieb gewonnene Crew von Hoka.

Aber so langsam kannte man mich – die verrückte Touristin aus Österreich, die nicht mal in ihren eigenen Schuhen gestartet ist. 

Siegerehrung – Im Rausch der Gefühle

Wahnsinns Marathon in Transsilvanien - Fotograf Anton Marius, Marathon in Braşov
Wahnsinns Marathon in Transsilvanien – Fotograf Anton Marius, Marathon in Braşov, www.fisheye.ro

Ich stand also tatsächlich auf dem Podest. 

Nach einer Massage, ein bisschen Knöchel kühlen, einigen Kalorien in Form von veganem Gulasch und Gemüsenudeln und einer Dusche war ich wieder etwas geordneter im Kopf und bereit für die Siegerehrung.

Und die war echt der Wahnsinn. Ich bekam kiloweise wirklich tolle Sachpreise überreicht, die ich nachher teilweise verschenken musste, weil sie nicht in mein Fluggepäck passten (z. B. eine Palette Energy Drinks und mehrere Flaschen Bier) und zum ersten Mal in meinem Leben erhielt ich total überraschend sogar ein Preisgeld.

Um mir das zu sagen, kam der Moderator, der für mich immer mal wieder was auf Englisch ins Mikro sagte, extra zu mir und erklärte mir, wo ich dafür hin müsse.

Ich konnte nicht aufhören zu strahlen, saugte die Atmosphäre auf, genoss es so sehr, dieses Finale einer grandiosen Reise.

Mission accomplished – Das nächste Abenteuer wartet

Der Abschied von den Organisatoren, meinen Unterstützern und allen, die mich durch diese 24 Stunden begleitet hatten, war so emotional, das ganze Erlebnis ist mir so nahe gegangen, dass ich erst mal ins Hostel bin und bestimmt 10 Minuten lang bitterlich geweint habe.

Es ist so viel Enttäuschung der letzten Jahre von mir abgefallen, es war so ein verrückter Tag, einfach so was von perfekt. Mission accomplished statt mission impossible.

Und am nächsten Tag hab ich mich, obwohl der Knöchel noch dick war, noch am Flughafen für das nächste Skyrace am darauffolgenden Samstag im Zillertal angemeldet. Das Abenteuer geht weiter.

Das ist Birgit – eine richtige Trailrunnerin

Wahnsinns Marathon in Transsilvanien - der Braşov Marathon - ein Lauf voller Emotionen
Wahnsinns Marathon in Transsilvanien – der Braşov Marathon

Ich bin Birgit, 33 und komme ursprünglich aus Südtirol, aufgewachsen mitten in den Bergen. Mittlerweile lebe ich in der Nähe von Innsbruck und arbeite als Psychologin im sozialpsychiatrischen Bereich.

Ich laufe eigentlich schon immer – mal mehr, mal weniger. Laufen bedeutet für mich Freiheit: Da hin laufen, wo ich will, den Kopf frei machen und ganz bei mir sein.

Seit ein paar Jahren laufe ich hauptsächlich auf Trails, kreuz und quer durch die Berge, am liebsten ganz alleine und je länger, desto besser!

Seit ca. 5 Jahren ernähre ich mich darüber hinaus vegan, unserer Umwelt, den Tieren und meinem Körper zuliebe.

Ich reise gern durch die Welt und bin immer auf der Suche nach kleinen Abenteuern, um mich selbst herauszufordern und weil es einfach glücklich macht, seine Komfortzone zu verlassen!

Ein Wahnsinns Marathon in Transsilvanien – bist du dabei

Geht es dir genau wie mir? Hat sie dich gepackt, diese Geschichte? Warum also nicht einfach deinen nächsten Marathon in Braşov starten? Und deinen eigenen Wahnsinns Marathon in Transsilvanien erleben.

Bis nächstes Jahr bleibt noch genügend Zeit zu trainieren.Vielleicht verbindest du diese Reise mit einem Urlaub und wanderst auf den Spuren Draculas durch die Karpaten.

Hinter den Kulissen – Danke an Birgit Haller und die Fotografen von Braşov

Die Entstehung dieses Beitrags ist auch für mich ein ebenso beeindruckendes Ereignis und so will ich dir die Geschichte hinter Geschichte nicht vorenthalten.

Ich las von Birgit und ihrem Abenteuer in einer Facebook-Gruppe und war sofort gefesselt. Beim Lesen bekam ich Gänsehaut, ich fieberte noch einmal mit Birgit mit, war mit ihr auf der Strecke, spürte ihre Schmerzen.

Was für eine Verschwendung, diese packende Story bei Facebook verkümmern zu lassen. Die muss doch in die Welt hinaus. Es lies mir keine Ruhe, also schrieb ich Birgit einfach an.

Und ich war so happy, dass sie sofort ja sagte und ihre bewegende Geschichte mit uns hier teilen wollte. Birgit schickte mir gleich am nächsten Tag den Beitrag, den ich eins zu eins übernommen habe.

Und Fotos, eigene und Fotos von Fotografen vor Ort. Die konnte ich natürlich nicht einfach verwenden. Also schrieb ich den Veranstalter des Marathons in meinem halb gewalkten Englisch – und bekam sofort Antwort sowie die Mail-Adressen der Fotografen.

Ich schrieb jeden einzeln an und beschrieb diese Story. Der Zuspruch war überwältigend. Alle Fotograf:innen stimmten der Verwendung zu. Und äußersten ihre Freude und ihren Stolz. Und eine Empfehlung, das nächte Jahr beim Marathon dabei zu sein, gab es natürlich auch.

Fotograf:innen der Story – Thank you very much


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    1. Hallo Birgit,
      als Erstes möchte ich mich herzlich bei Dir für den tollen Artikel bedanken. Ich habe Deine Freude und Leidenschaft förmlich zwischen den Wörtern gespürt und ich kann es bestätigen, dass die Berge rund um Brasov einfach traumhaft schön sind. Im Jahr 2019 hatte ich das Vergnügen in der Pojana Brasov einen Hindernislauf laufen zu dürfen und ich werde diese Erfahrung niemals vergessen. Vor dem Start auf die Langdistanz mussten wir ca. 30 Minuten im Startbereich warten, weil auf der Strecke ein Bär gesichtet wurde 🙂 Einfach traumhaft!
      Viele liebe Grüße und danke für´s Teilen Deiner wundervollen Erfahrungen,
      Uwe